Die Präzision · Lektion 4

Zeig die Szene

Du setzt in deinem Text einen sichtbaren, körperlichen Moment in Szene, den die Jury sich vorstellen und bewerten kann.

Das Prinzip

Die Jury für Präzision sucht einen Moment, den sie sich vorstellen kann. Keine Situation. Kein Gefühl. Einen Moment. Wenn du schreibst „Mein Kollege war in der Besprechung nervig“, hat die Jury nichts zu sehen. Das ist ein Etikett. Wenn du schreibst „Er hat bei jedem zweiten Satz mit dem Stift auf den Tisch geklopft, und jedes Mal wurde es lauter, bis jemand aus der letzten Reihe „Hör auf“ gesagt hat und er nicht aufgehört hat“, dann sieht die Jury den Stift, hört das Klopfen, verortet die Person in der letzten Reihe. Das ist eine Szene.

Und darum funktioniert das: Eine körperliche Handlung ist überprüfbar. Wer liest, kann sie nachprüfen. Hat er wirklich mit dem Stift geklopft? Ja oder nein. „Er war nervig“ ist nicht überprüfbar. Das ist eine Deutung, die du an Stelle der Leserin vorgenommen hast, und ihre Aufgabe ist es zu lachen, nicht deine Gefühle zu prüfen.

Das Mikrofon in einem Comedyclub tut genau eine Sache: Es lässt in Gesprächslautstärke reden. Das Publikum sitzt nah genug, um sich angesprochen zu fühlen. Dein Text tut dasselbe. Du rufst nicht durch eine Sporthalle. Du lehnst dich in einen kleinen Raum. Also schreibst du im Register des Moments, nicht im Register der Erklärung des Moments. Du sagst nicht „Ich war frustriert“. Du setzt die körperliche Handlung in Szene, die Frust hervorbringt: die Tabelle auf, zu, wieder auf, die Stirn gegen die Scheibe.

Du musst auch keinen Menschen aufbauen. Eine komische Figur im Text ist mit Absicht zweidimensional. Du brauchst ein Merkmal, das in einem bestimmten Moment eine Sache tut. Der, der bei jedem Gespräch unter dem Tisch aufs Handy schaut. Die, die in einer leeren Küche ihr eigenes Kochen kommentiert. Du schreibst keine Biografie. Du setzt einen einzigen Takt in Szene, in dem das Merkmal sichtbar ist.

Praktisch: Frag dich bei jedem emotionalen Takt in deinem Witz, was der Körper tut. Nicht, was der Kopf fühlt. Was die Hände tun, die Haltung, der Abstand zum nächsten Gegenstand. Ein oder zwei Handlungen pro Takt. Nicht mehr. Wenn du drei körperliche Details brauchst, um einen Punkt zu landen, beschreibst du eine Szene, statt sie in Szene zu setzen. Kürz auf die eine Handlung, bei der auch der Körper der Leserin zusammenzuckt.

Das ist der Zug. Die Jury bewertet, was sie sehen kann. Gib ihr etwas zu sehen.

In einem Witz

Beispiel für diese Lektion. Gleiches Thema in beiden Fassungen: auf ein Paket warten.

Schwach. „Ich war so genervt, auf mein Paket zu warten. Ich hab die Sendungsverfolgung ständig neu geladen, und es hat mich wahnsinnig gemacht.“

Korrigiert. „Die Sendungsverfolgung sagte um 10:14 „in Zustellung“. Ich hab um 10:31 neu geladen. Um 10:47 noch mal. Um 11:03 stand ich im Flur, eine Socke an, das Handy Richtung Fenster hochgehalten, als wollte ich Empfang finden, und meine Katze ging an mir vorbei und sah mich an, wie man eine Tür ansieht, die ohne Grund immer wieder aufgeht.“

Drei Dinge haben sich geändert. Erstens: Die Gefühlswörter („genervt“, „wahnsinnig“) sind weg; die Leserin schließt den Frust aus der Socke, dem Fenster, dem wie ein Gebet hochgehaltenen Handy. Zweitens: Die Situation wird nicht mehr zusammengefasst („auf mein Paket warten“), sondern als Abfolge von Uhrzeiten und ein Körper im Flur in Szene gesetzt. Drittens: Die Katze ist eine zweidimensionale komische Funktion, die unbeeindruckte Zeugin, und sie braucht keine Vorgeschichte, weil die Leserin genau weiß, wie eine Katze schaut, wenn sie einen verurteilt.

Du bist dran

Finde den Satz in deinem Entwurf, in dem du ein Gefühl oder eine Situation benennst. Streich ihn. Schreib an seine Stelle die eine körperliche Handlung, die der Körper in diesem Moment ausführt. Eine Handlung. Dann lies die Zeile laut vor und prüf, ob du die Person dabei sehen kannst; wenn nicht, hast du eine Zusammenfassung geschrieben, keine Szene. Wiederhol das für jeden emotionalen Takt im Stück. Zehn Minuten, Stift oder Tastatur, Handy mit dem Display nach unten.

In einem Satz

Setz die Handlung des Körpers in Szene, nicht das Gefühl dahinter.

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